Börsen im Iran-Krieg: Das sind die wahren Aktienrisiken bei Ölpreisen über 100 USD
Was passiert, wenn der Ölpreis nicht nur kurzzeitig steigt, sondern dauerhaft über der Marke von 100 USD je Barrel bleibt? Eine Analyse von Barclays zeigt, warum dann Gewinnschätzungen, Bewertungen und ganze Sektoren unter Druck geraten könnten.
Ein dauerhaft hoher Ölpreis ist für die Aktienmärkte kein rein theoretisches Risiko. Während viele Investoren derzeit noch von einem temporären Preisschock ausgehen, haben die Strategen von Barclays in einer aktuellen Studie bewusst ein Negativszenario durchgerechnet: Was wären die Folgen, wenn sich Brent-Öl länger im Bereich von 100 USD oder darüber festsetzen würde?
Ihre Antwort fällt differenziert aus – aber eindeutig: Je länger der Preisanstieg anhält, desto größer werden die Risiken für Gewinne, Bewertungen und die konjunkturelle Dynamik.
Der entscheidende Punkt dabei ist, dass die Weltwirtschaft heute zwar weniger energieintensiv ist als noch vor Jahrzehnten.
Dennoch würde ein Angebotsschock weiterhin spürbare Folgen haben. Hintergrund ist vor allem die hohe Bedeutung des Nahen Ostens für die globale Ölversorgung, von wo rund ein Drittel des Angebots stammt. Ein nachhaltiger Preisanstieg würde daher in vielen Volkswirtschaften gleichzeitig das Wachstum bremsen und die Inflation erhöhen.
Sinkende Energieintensität der Wirtschaft – Angebotsschocks bleiben dennoch relevant
Energieintensität und Ölförderung im Nahen Osten

Ein sprunghafter Anstieg der Ölpreise würde für die meisten Länder einen Gegenwind für das Wirtschaftswachstum bedeuten und die Inflation weiter anheizen
Effekt einer permanenten Ölpreissteigerung von 10 %.

Gewinne könnten deutlich stärker unter Druck geraten als derzeit erwartet
Besonders interessant ist dabei die Analyse der möglichen Auswirkungen auf die Unternehmensgewinne. Barclays verweist darauf, dass steigende Ölpreise zwar grundsätzlich die Gewinne im Energiesektor antreiben. Gleichzeitig entstehen aber negative Zweitrundeneffekte durch schwächeres Wachstum, die diesen positiven Effekt teilweise neutralisieren können.
Ein wichtiger Zusammenhang: In Europa laufen Ölpreisbewegungen den Gewinnentwicklungen typischerweise um etwa zwei Quartale voraus. Steigende Energiepreise wirken daher oft zeitverzögert auf die Gewinnentwicklung der Unternehmen.
Ölpreise laufen der Gewinnentwicklung in Europa oft um einige Quartale voraus

Allerdings profitieren längst nicht alle Branchen. Die positiven Effekte konzentrieren sich stark auf wenige Sektoren, während viele andere Branchen durch die Wachstumsbelastung sogar Nachteile erfahren.
Besonders aufschlussreich ist eine Sensitivitätsanalyse von Barclays: Derzeit erwarten Analysten für europäische Unternehmen noch ein Gewinnwachstum von rund 11 % im laufenden Jahr. Barclays selbst ist mit etwa 8 % bereits vorsichtiger. Sollte das europäische Wirtschaftswachstum jedoch stagnieren und der Ölpreis gleichzeitig im Bereich von 100 USD bleiben, könnte das Gewinnwachstum laut Berechnungen der Strategen auf nur noch niedrige einstellige Raten zurückfallen.
Sensitivität des Gewinnwachstums gegenüber Ölpreis und Konjunktur

Die aktuellen Konsensschätzungen von 11 % für Europa sind aufgrund anhaltend hoher Energiepreise mit erheblichen Abwärtsrisiken behaftet

Bewertungen könnten zusätzlich durch Geldpolitik unter Druck geraten
Neben den Gewinnen sehen die Barclays-Strategen auch Risiken auf der Bewertungsseite. Der Grund: Steigende Energiepreise könnten Notenbanken dazu zwingen, länger eine restriktive Geldpolitik beizubehalten oder sogar wieder zu verschärfen.
Tatsächlich haben sich laut Analyse bereits die Zinserwartungen verändert. Zinssenkungen werden inzwischen weniger stark eingepreist, während in Europa sogar wieder steigende Zinsen als mögliches Szenario diskutiert werden.
Das Problem aus Marktsicht: Die Bewertungen europäischer Aktien liegen mit einem KGV von rund 14,7 weiterhin über dem langfristigen Durchschnitt. Sollte sich das Umfeld verschlechtern, besteht daher zusätzliches Rückschlagpotenzial durch eine Neubewertung der Märkte.
Zinssenkungserwartungen seit Kriegsbeginn aus den Kursen herausgepreist worden

Seit Kriegsbeginn war der KGV-Rückgang auf aggregierter Ebene gering, sodass das Risiko eines weiteren Rückgangs besteht, sollte die Notenbankpolitik restriktiver werden

Stagflationsszenario würde klare Gewinner und Verlierer hervorbringen
Sollte sich tatsächlich ein stagflationäres Umfeld etablieren – also steigende Preise bei gleichzeitig schwächerem Wachstum – würden sich laut Barclays klare Muster bei der Sektorentwicklung zeigen.
Typische Gewinner solcher Phasen seien:
– Energie
– Versorger
– Gesundheitswerte
Zu den potenziellen Verlierern zählen dagegen:
– Finanzwerte
– Telekomunternehmen
– Konsumtitel
Der Hintergrund ist einfach: Defensive Branchen und Energie profitieren von stabiler Nachfrage oder steigenden Preisen, während zyklische Geschäftsmodelle stärker unter einer konjunkturellen Abschwächung leiden. Oder konkreter ausgedrückt: Stagflationsphasen stellen die Sektoren Konsumgüter, Telekommunikation und Finanzwesen vor Herausforderungen, während sich die Sektoren Energie, Gesundheitswesen und Versorger gut entwickeln
Sektorentwicklung in stagflationären Marktphasen
Median der monatlichen Renditen in Europa in Phasen sinkenden Wachstums und steigender Inflation

Quellen: LSEG Data & Analytics, Barclays Research
Interessant ist aber auch die zweite Phase eines solchen Szenarios. Sobald Ölpreise nach einem Angebotsschock ihren Höhepunkt erreichen, kommt es häufig zu einer Gegenbewegung: Dann zählen ausgerechnet die zuvor schwachen Sektoren wie Finanzwerte, zyklischer Konsum und Technologie zu den stärksten Performern, während Telekommunikation und Versorger hinterherhinken.
Durchschnittliche Sektorentwicklung nach dem Ölpreis-Höchststand bei Öl-Versorgungsengpässen

Positionierung der Investoren spricht noch nicht für vollständige Risikoanpassung
Ein weiterer Aspekt der Barclays-Analyse betrifft die Positionierung institutioneller Investoren. Trotz der jüngsten Marktschwäche sei die Positionierung in zyklischen Sektoren wie Banken, Industrie und Bau noch immer relativ hoch.
Das könnte bedeuten, dass die Märkte das Risiko eines länger anhaltenden Ölpreisschocks noch nicht vollständig eingepreist haben. Sollte sich das Szenario materialisieren, könnte zusätzlicher Verkaufsdruck entstehen.
Veränderung der Hedgefonds-Positionierung zu Beginn des Ölpreisschocks)

Aktuelle Sektorpositionierung von Hedgefonds

Das eigentliche Risiko liegt in der Dauer des Ölpreisanstiegs
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Barclays-Studie ist letztlich weniger die Höhe des Ölpreises als vielmehr dessen Dauer. Kurzfristige Preisspitzen können Märkte oft verkraften. Problematisch wird es erst, wenn hohe Energiepreise zu einem dauerhaften Belastungsfaktor für Wachstum, Inflation und Geldpolitik werden.
Genau das ist laut den Experten das unberechenbare Extremrisiko für die Aktienmärkte: Nicht der kurzfristige Schock, sondern ein länger anhaltendes Hochpreisumfeld.
Für Investoren bedeutet das vor allem eines: Die Frage nach der Nachhaltigkeit der Ölpreisentwicklung könnte in den kommenden Monaten genauso wichtig werden wie die absolute Preisbewegung selbst.
Bildherkunft: AdobeStock_1937535588