Europa unter Dauerbeschuss – doch genau darin sieht BCA eine historische Anlagechance
Russland, Trump, China, Energie, Reformstau: Europas Herausforderungen sind groß. Laut BCA Research wirkt aber gerade dieser Druck wie ein Katalysator für Europas Börsen, ausgewählte Sektoren und den Euro – plus der Chance, in den kommenden Jahren sogar US-Aktien zu übertreffen.
Europa ist in den vergangenen Jahren zum Sorgenkind vieler Investoren geworden. Schwaches Wachstum, politische Fragmentierung, hohe Energiekosten und eine scheinbar unaufhaltsame Outperformance der USA haben dazu geführt, dass europäische Assets systematisch untergewichtet wurden.
Eine aktuelle Studie von BCA Research mit dem Titel „Europa Rides The Bull“ stellt dieses Narrativ aber grundsätzlich infrage. Der Kern der Analyse des zitierten Finanzanalysehauses ist etwas provokant: Europa profitiert demnach sogar durch den massiven geopolitischen Druck von außen.
Die Strategen sprechen von einem geopolitischen „Sweet Spot“. Gemeint ist damit eine Konstellation, in der Bedrohungen so groß werden, dass sie politische Trägheit überwinden und zu strukturellem Handeln zwingen. Für Anleger ist diese Phase besonders interessant, weil Märkte solche Wendepunkte oft nur nach und nach einpreisen.
Zwischen Übertreibung und Realität: Europas geopolitische Lage neu bewertet
BCA beginnt in der Studie mit einer Entzauberung der dominierenden Ängste. Die Sorge vor einer militärisch überlegenen russischen Bedrohung wird als stark überzeichnet beschrieben. Aggregiert haben europäische NATO-Staaten in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Vielfaches dessen investiert, was Russland an Verteidigungsausgaben aufgebracht hat. Auch die These eines US-Rückzugs aus Europa hält einer nüchternen Analyse kaum stand. Europa ist der wichtigste Direktinvestitionspartner der USA und ein zentraler Pfeiler amerikanischer Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen.
Der geopolitisch relevante Stressfaktor liegt aus Sicht von BCA woanders: in China. Europas industrielle Struktur überschneidet sich stärker mit der chinesischen als die der USA. In klassischen Kernindustrien wie Automobil, Maschinenbau und Chemie wächst der Wettbewerbsdruck spürbar. Europas Exportanteile nach China sinken, während chinesische Exporte nach Europa zulegen. Diese Entwicklung ist kein zyklisches Phänomen, sondern Ausdruck eines strukturellen Konflikts.
China ist zur zentralen strukturellen Herausforderung für Europas Industrie geworden

Quelle: BCA Research
Anlageimplikation: Der geopolitische Druck ist real, aber er ist der Auslöser für Investitionen, Reformen und politische Integration. Für Anleger bedeutet das, dass Europa nicht länger nur als Opfer globaler Verschiebungen betrachtet werden sollte, sondern als Region im Übergang zu einem neuen wirtschaftlichen Gleichgewicht.
Europäische Verteidigung: Der strukturelle Investmentfall
Der sichtbarste Ausdruck dieses geopolitischen Zwangs ist der Verteidigungssektor. BCA macht deutlich, dass die Aufrüstung Europas nicht vom Fortgang des Ukraine-Kriegs abhängt. Selbst bei einem Waffenstillstand bleibt der politische Wille zur militärischen Eigenständigkeit bestehen. Alle europäischen NATO-Mitglieder erreichen inzwischen die 2%-Marke beim Verteidigungsetat, langfristig sind höhere Quoten politisch akzeptiert.
Besonders wichtig ist der qualitative Wandel bei der Beschaffung. Europa hat erkannt, dass Verteidigung nicht nur eine sicherheitspolitische, sondern auch eine industrielle Frage ist. Die Abhängigkeit von US-Rüstungsgütern wird zunehmend als strategisches Risiko wahrgenommen. Nationale Programme und EU-Initiativen wie SAFE fördern explizit europäische Wertschöpfung und grenzüberschreitende Kooperation.
Europas Verteidigungsausgaben steigen dauerhaft und strukturell

Anlageimplikation: Europäische Verteidigungswerte verfügen über zwei strukturelle Rückenwinde – steigende Budgets und eine Verschiebung hin zu regionaler Beschaffung. Auch nach der starken Kursentwicklung bleibt der relative Bewertungsabschlag gegenüber US-Peers bestehen. BCA favorisiert europäische Titel auf zyklischer Basis, warnt kurzfristig jedoch vor überhitzten Marktphasen.
Energie: Vom strukturellen Malus zum ökonomischen Hebel
Die Energiekrise galt lange als Beleg für Europas strukturelle Schwäche. BCA argumentiert, dass sich dieser Nachteil in den kommenden Jahren in einen Vorteil verwandeln könnte. Der massive Ausbau der LNG-Infrastruktur hat Europa dauerhaft unabhängiger gemacht. Gleichzeitig steht der globale LNG-Markt vor einem historischen Angebotsüberhang, getrieben von neuen Kapazitäten in den USA und Katar.
Entscheidend ist das Zusammenspiel aus stagnierender Nachfrage und wachsendem Angebot. Daraus resultiert ein struktureller Preisdruck auf Gas, der sich mit Verzögerung auch auf Strompreise überträgt. Für energieintensive Industrien ist das von zentraler Bedeutung. Gerade Deutschland, dessen industrielle Basis besonders stark unter den hohen Energiepreisen gelitten hat, könnte hiervon überproportional profitieren.
Der drohende LNG-Überhang verändert Europas Energiepreise grundlegend
Anlageimplikation: Sinkende Energiepreise wirken wie ein stilles Konjunkturprogramm. BCA sieht klare Chancen bei europäischen Chemieunternehmen, Industriewerten und ausgewählten Versorgern. Gleichzeitig geraten Upstream-Energieproduzenten unter Margendruck. Für Anleger eröffnet sich die Möglichkeit, auf eine Normalisierung der europäischen Kostenstruktur zu setzen.
Industrie und Wettbewerbsfähigkeit: Europas unterschätztes Comeback
BCA verknüpft den Energieaspekt direkt mit dem breiteren Industriekomplex. Niedrigere Inputkosten, staatliche Investitionen und eine aktivere Industriepolitik verbessern die Rahmenbedingungen für Europas Kernindustrien. Hinzu kommt der erhebliche Bewertungsabschlag europäischer Industriewerte gegenüber ihren US-Pendents.
Der entscheidende Punkt ist dabei nicht kurzfristiges Gewinnwachstum, sondern die Wiederherstellung der Investitionsfähigkeit. Freiere Cashflows ermöglichen höhere Investitionen in Automatisierung, Digitalisierung und Effizienz. Genau hier sieht BCA die Grundlage für eine mehrjährige Erholung der europäischen Industrie.
Europas industrieller Kostennachteil gegenüber den USA schwindet

Anlageimplikation: Europäische Industriewerte bleiben ein Kerninvestment innerhalb der Europa-Allokation. Der Case basiert weniger auf zyklischem Momentum als auf struktureller Margenverbesserung und Bewertungsaufholung.
Strukturelle Reformen: Warum Europa jetzt schneller handeln könnte
Europa gilt als reformresistent, und BCA spart diese Kritik nicht aus. Dennoch identifizieren die Strategen eine qualitative Verschiebung. Die EU ist bereit, industriepolitische Ziele über dogmatische Wettbewerbspolitik zu stellen. Konsolidierungen in strategischen Sektoren werden zunehmend toleriert, um globale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Zugleich gewinnt die fiskalische Integration an Dynamik. Gemeinsame EU-Anleihen sind längst Realität, nicht mehr Ausnahme. Der größere Hebel liegt jedoch in der Mobilisierung privaten Kapitals. Europäische Haushalte verfügen über enorme Ersparnisse, die bislang ineffizient eingesetzt werden. Eine Savings and Investments Union könnte diesen Kapitalstock produktiv nutzbar machen.
Vertiefte europäische Integration senkt die strukturelle Risikoprämie

Anlageimplikation: Eine vertiefte fiskalische und finanzielle Integration würde Europas strukturellen Risikoabschlag senken. Für Anleger bedeutet das potenziell niedrigere Eigenkapitalkosten, höhere Bewertungen und eine stärkere internationale Attraktivität europäischer Assets.
Migration: Ein politisches Reizthema mit ökonomischem Nutzen
Ein eigener Block der Studie widmet sich der Migration – bewusst gegen den politischen Zeitgeist. BCA argumentiert, dass gezielte Zuwanderung aus der Ukraine und aus Lateinamerika den demografischen Gegenwind Europas abfedert. Besonders Spanien dient als Beispiel für eine erfolgreiche Integration mit messbaren Wachstumsimpulsen.
Der europäische Binnenarbeitsmarkt verstärkt diesen Effekt. Migration wirkt nicht nur lokal, sondern kontinentweit stabilisierend. Für Kapitalmärkte ist das kein kurzfristiger Kurstreiber, wohl aber ein relevanter Faktor für langfristiges Wachstumspotenzial.
Migration als messbarer Wachstumstreiber – das Beispiel Spanien

Anlageimplikation: Migration verbessert die strukturellen Wachstumsaussichten Europas und reduziert langfristige fiskalische Risiken. Für Anleger erhöht dies die Attraktivität europäischer Assets im globalen Vergleich.
Währung als unterschätzter Hebel
Abschließend verknüpft BCA die makroökonomischen und politischen Entwicklungen mit dem Währungsmarkt. Ein stärker integriertes Europa mit sinkenden Energiepreisen und steigenden Investitionen spricht für einen festeren Euro. Gleichzeitig sieht BCA strukturellen Gegenwind für den US-Dollar, unter anderem durch fiskalische Überdehnung und politische Unsicherheit.
Der Dollar könnte sich in einem mehrjährigen Bärenmarlt befinden

Anlageimplikation: Ein stärkerer Euro erhöht die Attraktivität europäischer Aktien insbesondere für internationale Investoren. Die Kombination aus Währungsaufwertung und Bewertungsaufholung bildet den Kern des relativen Europa-Cases gegenüber den USA.
Fazit: Europa als zyklische Wette
Die zentrale Botschaft der BCA-Studie ist eindeutig: Europa befindet sich an einem Wendepunkt. Der geopolitische Druck zwingt zu Investitionen, Reformen und Integration. Für Anleger entsteht daraus kein kurzfristiger Trade, sondern ein zyklischer Investmentcase.
Europäische Aktien, insbesondere Industrie- und Verteidigungswerte, kombiniert mit einer konstruktiven Haltung zum Euro, bilden aus Sicht von BCA eine der interessantesten Anlageallokationen der kommenden Jahre. Die von dem Research-Institut erwarten Neubewertung bietet der Einschätzung zufolge sogar die Möglichkeit, dass europäische Aktien in den kommenden Jahren besser abschneiden als US-Aktien.
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