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KI als Burggraben-Test: Welche Geschäftsmodelle wirklich geschützt sind – und welche nicht

Strategien Jürgen Research 55 Leser

Morningstar zeigt, warum künstliche Intelligenz Wettbewerbsvorteile nicht zerstört – aber schonungslos offenlegt, welche Unternehmen wirklich über dauerhafte Stärken verfügen. Was Moat-Fans dazu wissen müssen.

Als das Thema künstliche Intelligenz vor gut zwei Jahren endgültig im Mainstream der Kapitalmärkte ankam, dominierte eine einfache These: KI wird ganze Branchen zerstören und bestehende Marktführer entwerten. Doch wie so oft an der Börse erweist sich die Realität als deutlich differenzierter. Genau hier setzt eine aktuelle Analyse von Morningstar an. Die zentrale Botschaft: KI ist kein pauschaler „Moat-Killer“, sondern vielmehr ein Selektionsmechanismus, der robuste Geschäftsmodelle von anfälligen trennt.

Wer verstehen will, welche Unternehmen im KI-Zeitalter bestehen können, muss deshalb weniger auf Schlagworte und mehr auf die strukturellen Quellen von Wettbewerbsvorteilen achten.

Was Morningstar unter einem wirtschaftlichen Burggraben versteht


Der Economic-Moat-Ansatz gehört zu den bekanntesten Bewertungsmodellen von Morningstar. Dahinter steht die einfache, aber für Anleger entscheidende Frage: Wie lange kann ein Unternehmen Überrenditen erzielen, bevor Wettbewerber diese Vorteile angreifen?

Ein „Wide Moat“ bedeutet nach Definition der Analysten, dass ein Unternehmen voraussichtlich mindestens 20 Jahre lang strukturelle Wettbewerbsvorteile verteidigen kann. Ein „Narrow Moat“ steht für einen Zeithorizont von mindestens zehn Jahren.

Vor dem Hintergrund der KI-Revolution haben die Analysten nun 132 Unternehmen neu untersucht, bei denen künstliche Intelligenz potenziell starke Auswirkungen auf die Wettbewerbssituation haben könnte. Ziel war es, systematisch zu erfassen, wo KI bestehende Vorteile gefährdet und wo sie diese sogar verstärken könnte.

Sieben Prüfkriterien für Wettbewerbsvorteile im KI-Zeitalter


Um diese Analyse strukturiert durchzuführen, entwickelte Morningstar ein eigenes Bewertungsraster mit sieben zentralen Dimensionen. Dieses Modell entstand ursprünglich zur Analyse von Softwarefirmen, wurde aber leicht angepasst, um auch Branchen wie IT-Dienstleistungen oder Finanzservices abzudecken.

Besonders wichtig ist dabei die Frage, auf welcher Ebene der Wertschöpfung ein Unternehmen tätig ist. Firmen, deren ökonomische Stärke aus Infrastruktur stammt, etwa aus Plattformen, Netzwerken oder Basistechnologie, könnten sogar von KI profitieren, weil deren Nutzung zusätzliche Nachfrage erzeugt. Unternehmen dagegen, deren Geschäftsmodelle vor allem auf Applikationen basieren, laufen eher Gefahr, durch KI teilweise ersetzt zu werden.

Ähnlich entscheidend ist die Datenbasis. Proprietäre, einzigartige Datensätze gelten als klarer Vorteil. Generische oder öffentlich verfügbare Daten bieten dagegen kaum Schutz.

Weitere Faktoren betreffen das Preismodell, die Komplexität der Arbeitsprozesse, Wechselkosten, die Wettbewerbssituation sowie die Frage, ob KI die Nachfrage nach einem Produkt erhöht oder reduziert.

7 Prüfkriterien für Wettbewerbsvorteile im KI-Zeitalter (nach Morningstar)


Auflistung der 7 Prüfkriterien nach Morningstar

Quelle: Morningstar, Stand 13. März 2026

KI als Sortiermaschine statt als Abrissbirne


Ein besonders interessantes Ergebnis der Untersuchung ist, dass KI nicht zu einer flächendeckenden Erosion von Wettbewerbsvorteilen geführt hat. Vielmehr zeigte sich ein gemischtes Bild.

Von den untersuchten Unternehmen wurden zwar 22 Wide-Moat-Ratings herabgestuft, davon 20 auf Narrow Moat und zwei sogar auf keinen Moat mehr. Zusätzlich verloren 18 Narrow-Moat-Firmen weiter an Wettbewerbsschutz. Gleichzeitig gab es aber auch zwei Hochstufungen von Narrow auf Wide Moat. Diese beiden Aufwertungen begründeten die Analysten vor allem mit starker Infrastrukturpositionierung und ausgeprägten Netzwerkeffekten. Wie stark die Veränderungen tatsächlich ausfielen, zeigt die folgende Übersicht:

Verteilung der Änderungen bei den Wettbewerbsvorteilen nach KI-Analyse


Darstellung der Verteilung der Änderungen bei den Wettbewerbsvorteilen nach KI-Analyse

Quelle: Morningstar, Stand 13. März 2026

Besonders unter Druck standen Branchen wie Payroll-Services, IT-Dienstleistungen und klassische Enterprise-Software. Das erscheint aus Sicht von Morningstar plausibel, weil KI vor allem dort besonders stark wirkt, wo Geschäftsmodelle stark von menschlicher Arbeit, einfachen Automatisierungsprozessen oder nutzerbasierten Softwarelizenzen abhängen.

Durchschnittliche Veränderungen des fairen Wertes und Herabstufungen der Moats nach Sektoren


Darstellung der Durchschnittliche Veränderungen des fairen Wertes und Herabstufungen der Moats nach Sektoren

Quelle: Morningstar. Daten vom 13.03.2026

Warum selbst herabgestufte Firmen nicht automatisch Verlierer sind


Bemerkenswert ist auch, dass viele der herabgestuften Unternehmen weiterhin über starke Marktpositionen verfügen. Große Nutzerbasen, etablierte Produkte oder enge Kundenbeziehungen blieben oft intakt.

Das zeigt nach Einschätzung der Analysten, dass die Bewertung von Wettbewerbsvorteilen kein Schwarz-Weiß-Thema ist. Vielmehr geht es um die langfristige Vorhersagbarkeit von Renditen. Genau hier sieht Morningstar durch KI zunehmende Unsicherheit.

Denn wenn KI Teile von Arbeitsprozessen leichter reproduzierbar macht oder Software weniger stark vom Wachstum der Nutzerzahlen abhängt, kann dies die Haltbarkeit bestehender Vorteile reduzieren – selbst wenn die aktuelle Marktstellung noch stabil erscheint.

Wo sich besonders robuste Wettbewerbsvorteile zeigen


Auf der anderen Seite identifiziert die Studie mehrere Bereiche mit bemerkenswerter Widerstandskraft. Dazu zählen vor allem Unternehmen mit starken Netzwerkeffekten, kontrollierter Infrastruktur, einzigartigen Datenbeständen oder komplexen technologischen Ökosystemen.

Auch hohe regulatorische Markteintrittsbarrieren oder sehr spezialisierte Fachprozesse erwiesen sich als stabilisierende Faktoren.

Besonders resilient zeigten sich laut Morningstar komplexe Engineering-Software, Cybersecurity-Unternehmen, Finanzinfrastruktur-Anbieter sowie Firmen mit einzigartigen Datenbeständen oder klaren Netzwerkeffekten. Rund die Hälfte der Unternehmen mit Wide-Moat-Rating nach der Überprüfung verfügte über ausgeprägte Netzwerkeffekte.

Design-Software, Plattformen und Cyber-Security erwiesen sich bisher als widerstandsfähiger


Darstellung Design-Software, Plattformen und Cyber-Security erwiesen sich bisher als widerstandsfähiger

Quelle: Morningstar. Daten vom 13.03.2026

Warum Netzwerkeffekte stärker sind als klassische Wechselkosten


Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung betrifft die unterschiedliche Stabilität verschiedener Moat-Quellen. Während Netzwerkeffekte relativ wenige Herabstufungen verzeichneten, erwiesen sich klassische Wechselkosten als weniger belastbar.

Das liegt daran, dass Netzwerkeffekte nicht primär auf Technologie beruhen, sondern auf der Stärke des Netzwerks selbst. Selbst wenn sich Technologien ändern, bleibt ein starkes Netzwerk schwer angreifbar.

Als Beispiele nennt Morningstar unter anderem Zahlungsnetzwerke, Börsenplattformen oder Reiseplattformen. Bei Booking etwa liege der Kern des Wettbewerbsvorteils nicht in der Technologie selbst, sondern in der Fähigkeit, ein globales Angebot an Unterkünften zu aggregieren.

Gleichzeitig könnten KI-Fortschritte klassische Wechselkosten untergraben. Wenn etwa Datenmigration oder Integrationen automatisiert werden, verlieren historische Hürden an Bedeutung. Das könnte gerade etablierte Softwareanbieter unter Druck setzen.

Cybersecurity als möglicher KI-Gewinner


Als besonders interessante Gewinnergruppe nennt Morningstar Cybersecurity-Unternehmen. Mit zunehmender KI-Verbreitung dürfte auch die Zahl potenzieller Angriffsszenarien stark steigen.

Die Analysten zeichnen hier das Bild einer Zukunft, in der automatisierte Angriffe rund um die Uhr stattfinden könnten – begrenzt lediglich durch verfügbare Rechenleistung. In einem solchen Umfeld könnten Anbieter mit großen Datenmengen und Netzwerkeffekten strukturelle Vorteile sogar ausbauen.

KI verändert die Regeln – aber nicht die Grundprinzipien


Das vielleicht wichtigste Fazit der Studie ist, dass KI zwar vieles verändert, aber nicht die grundlegende Logik nachhaltiger Wettbewerbsvorteile außer Kraft setzt.

Unternehmen, die ihre Position auf Infrastruktur, Netzwerkeffekte, regulatorische Barrieren oder einzigartige Daten stützen, könnten ihre Stellung sogar festigen. Firmen dagegen, deren Vorteile vor allem aus ineffizienten Prozessen oder Nutzergewohnheiten entstanden sind, könnten stärker unter Druck geraten.

Für Anleger ergibt sich daraus eine wichtige Schlussfolgerung: Die KI-Revolution macht die klassische Analyse von Wettbewerbsvorteilen nicht überflüssig – sie macht sie wichtiger denn je.

Einordnung für Anleger


Morningstar sieht in der aktuellen Marktsituation sogar Chancen. Da ein Teil der KI-Auswirkungen bereits in den Kursen eingepreist sei, gleichzeitig aber kurzfristig erhöhte Volatilität erwartet werde, könnten sich nach Rückschlägen Einstiegsmöglichkeiten bei strukturell robusten Unternehmen ergeben.

Die entscheidende Frage sei deshalb weniger, ob KI Branchen verändert – sondern welche Firmen über echte strukturelle Stärken verfügen, um diese Veränderungen zu überstehen.

Genau darin liegt letztlich die vielleicht wichtigste Botschaft der Analyse: KI ist kein pauschaler Zerstörer von Wettbewerbsvorteilen. Aber sie wirkt wie ein Stresstest, der schonungslos sichtbar macht, welche Burggräben wirklich tief sind – und welche nur so aussahen.


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