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KI als Moat-Gefahr: Bei welchen Aktien der Megatrend aktuell Schutzgräben schwächt und stärkt

Artikel, Strategien Jürgen Research 197 Leser

KI-Revolution am Aktienmarkt: Morningstar stuft Adobe, Salesforce & Co. herab. Im Block erfahren Sie, welche Aktien Schutzgräben verlieren und wo der Megatrend neue Moats schafft. 

Bei der Geldanlage mit Aktie galt der „Economic Moat“ – der wirtschaftliche Schutzgraben – lange Zeit als das ultimative Siegel für Qualität und Beständigkeit. Er schützte Unternehmen vor der Konkurrenz und sicherte langfristige Überrenditen. Doch mit dem rasanten Aufstieg von Large Language Models (LLMs) und agentenbasierter KI stehen diese Bollwerke vor ihrer größten Belastungsprobe seit Jahrzehnten.

Die aktuellen Analysen von Morningstar zeichnen ein deutliches Bild: Die technologische Disruption ist keine ferne Theorie mehr, sondern führt bereits jetzt zu einer massiven Neubewertung etablierter Branchen. Während einige Sektoren, wie die Cybersicherheit, durch die KI-Welle an Bedeutung gewinnen und ihre Gräben sogar vertiefen können, erleben wir in Bereichen wie der Software-Anwendung, den IT-Dienstleistungen und der Lohnabrechnung eine beispiellose Welle an Herabstufungen.

Der Grund hierfür liegt in einer fundamentalen Verschiebung der Machtverhältnisse:

  • Eintrittsbarrieren sinken: KI automatisiert Wissensarbeit, die früher teure Experten erforderte.
  • Preismodelle wanken: Klassische Abrechnungen pro Nutzer (Seats) werden durch die Effizienz der KI infrage gestellt.
  • Wechselkosten erodieren: Migrationen zwischen Systemen werden einfacher und schneller.

Für Anleger bedeutet dies ein radikales Umdenken. Es reicht nicht mehr aus, auf historisch starke Bilanzen zu blicken. Wer heute investiert, muss die alles entscheidende Frage beantworten: Ist der Schutzgraben eines Unternehmens aus Stein gebaut – oder besteht er aus Logik und Daten, die eine KI morgen mühelos ersetzen oder entwerten kann?

Die folgenden Morningstar-Analysen werfen einen detaillierten Blick auf die Gewinner und Verlierer dieser neuen Ära und zeigen auf, wo die aktuelle Unsicherheit an den Märkten vielleicht sogar neue Chancen für geduldige Investoren eröffnet.

1. Payroll-Sektor: Wenn Automatisierung den Preis unter Druck setzt


Morningstar hat die Moat-Ratings und Fair-Value-Schätzungen für die intern abgedeckten Unternehmen im Bereich Lohn- und Gehaltsabrechnung (Payroll) einer umfassenden Revision unterzogen. Es war die erste Analyse, die das „Post-KI-Zeitalter“ explizit in die Bewertungsmodelle einfließen ließ.

Die Einschätzung: Die Experten sehen erhebliche Risiken durch die Kombination aus sinkenden Margen auf der Anwendungsebene und der Abhängigkeit von nutzerbasierten Preismodellen (den sogenannten „Seats“).

Da KI die Effizienz steigert, könnten Unternehmen künftig mit deutlich weniger Personal die gleiche Arbeit erledigen, was die Anzahl der benötigten Software-Lizenzen reduziert. Infolgedessen wurden die Annahmen für das langfristige Umsatzwachstum auf eine durchschnittliche jährliche Rate im mittleren einstelligen Bereich gesenkt.

Herabstufungen: Die Moat-Ratings für ADP und Paychex wurden von „Wide“ auf „Narrow“ gesenkt. Das Rating für Paycom wurde auf „None“ (kein Moat) reduziert, da hier bereits Anzeichen für eine Wachstumsverlangsamung vorliegen.

Kursziele: Der faire Wert (Fair Value) für ADP sinkt auf 231 USD (von 297 USD) und für Paychex auf 90 USD (von 122 USD).

Quellen: Morningstar. Daten vom 06.03.26

2. Kapitalmarkt-Informationsdienste: Datenhoheit vs. Datensynthese 


Bei Finanzdatenanbietern wurde untersucht, inwieweit generative KI die Barrieren bei der Zusammenstellung nicht-proprietärer Daten senkt.

Die Einschätzung: Morningstar unterscheidet hier strikt zwischen austauschbaren Marktdaten und tief eingebetteten Benchmarks. Während KI die Erstellung von Software und Datenkompilation vereinfacht, bleiben Netzwerkeffekte bei Kreditratings, Finanzindizes und Kredit-Scores (FICO) stabil. Diese Benchmarks sind so tief in die Industrie-Workflows integriert, dass ein Ersatz durch KI kurz- bis mittelfristig unwahrscheinlich ist.

Stabile Gräben: S&P Global, Moody’s und MSCI behalten ihren „Wide Moat“, da sie auf nicht-öffentlichen Informationen basieren (z. B. Management-Gespräche bei Ratings).

Verlierer: Unternehmen wie FactSet und SS&C wurden auf „None“ herabgestuft, da KI die Hürden für den Wettbewerb bei der Analyse öffentlicher Daten massiv senkt.

Moat-Ratings der Informationsdienstleister-Aktien im Überblick


Moat-Ratings der Informationsdienstleister-Aktien im Überblick

Quellen: Morningstar. Daten vom 06.03.26

3. IT-Dienstleistungen: Disruption der Wissensarbeit 


Die Ankündigungen von Tools wie Claude Cowork und OpenAI Codex haben die Einschätzung für IT-Consultants radikal verändert.

Die Einschätzung: Morningstar erwartet massiven Gegenwind durch den Verlust abrechenbarer Stunden. KI-native Systeme beginnen bereits, Offshore-Arbeitskräfte in klassischen Outsourcing-Workflows (BPO) zu ersetzen. Zwar gibt es kurzfristigen Rückenwind durch Infrastruktur-Upgrades bei Kunden, doch die langfristige Effizienzsteigerung durch KI-gestütztes Software-Engineering gefährdet das bisherige Geschäftsmodell der IT-Berater.

Anpassungen: Accenture und Infosys wurden auf „Narrow“ herabgestuft. Für Wipro und EPAM Systems sieht Morningstar aufgrund der hohen Substituierbarkeit ihrer Dienstleistungen keinen Moat mehr („None“).

Moat-Ratings der IT-Dienstleistungs-Aktien im Überblick


Moat-Ratings der IT-Dienstleistungs-Aktien im Überblick

Quellen: Morningstar. Daten vom 06.03.26

4. Cybersicherheit: Das notwendige Wettrüsten 


Im Gegensatz zu vielen anderen Software-Bereichen wird KI in der Cybersicherheit von Morningstar als „Netto-Positiv“ bewertet.

Die Einschätzung: Die Bedrohungslage verschärft sich: KI-gestützte Angriffe erhöhen die Angriffsfläche und die Komplexität der Bedrohungen. Dies zwingt Unternehmen zu höheren Investitionen in moderne Schutzschilde. Da Marktführer über die größten Datensätze zum Training ihrer Abwehr-KIs verfügen, vertiefen sich deren Gräben gegenüber kleineren Wettbewerbern.

Aufstufungen: CrowdStrike und Cloudflare wurden von „Narrow“ auf „Wide Moat“ hochgestuft.

Risiko-Hinweis: Trotz der stärkeren Moats hat Morningstar die Unsicherheits-Ratings bei den Cyber-Security-Aktien Palo Alto Networks, Fortinet, Zscaler, CrowdStrike und Gen Digital auf „sehr hoch“ („very high“) angehoben, da das technologische Wettrüsten extrem kapitalintensiv ist.

Moat-Ratings der Cyber-Security-Aktien im Überblick


Moat-Ratings der Cyber-Security-Aktien im Überblick

Quellen: Morningstar. Daten vom 06.03.26

5. Software-Giganten: Ein selektiver Blick ist Pflicht 


Morningstar zeigt sich skeptisch gegenüber der gesamten Software-Branche und warnt, dass es in diesem Umfeld aufgrund der extremen Unsicherheit schwer ist, pauschale Kaufempfehlungen auszusprechen.

Die Einschätzung: Das Tempo des Wandels hat sich beschleunigt. Bei vielen Firmen sinkt die Zuversicht in das langfristige Renditeprofil (Stage 2 Growth). Software, die primär auf der Automatisierung einfacher Workflows basierte, könnte durch generative KI massiv unter Druck geraten oder komplett ersetzt werden.

Prominente Herabstufungen (Wide auf Narrow): Darunter fallen Adobe, Salesforce, ServiceNow und Shopify. Bei Adobe etwa wurde der faire Wert drastisch von 560 USD auf 380 USD gesenkt.

Der Top-Pick: Microsoft bleibt der einzige „Wide Moat“-Favorit mit einem Kursziel von 600 USD, da das Unternehmen über alle Ebenen der KI-Wertschöpfungskette hinweg positioniert ist.

Moat-Ratings der Software-Aktien im Überblick


Moat-Ratings der Software-Aktien im Überblick

Quellen: Morningstar. Daten vom 05.03.26

Fazit für Anleger: Der Markt befindet sich in einer Phase der „kreativen Zerstörung“. Morningstar betont, dass Schutzgräben nicht über Nacht verdampfen, sich die Gewinner und Verlierer der KI-Ära aber jetzt bereits herauskristallisieren. Geduldige Investoren könnten im aktuellen „Gemetzel“ bei unterbewerteten Qualitätswerten fündig werden, sofern deren Moat nicht rein auf manueller Wissensarbeit basierte.


Bildherkunft: shutterstock_1483738934