aktien Magazin

Investieren mit Moats: Diese sechs deutschen Aktien mit breiten Schutzgräben sind klar unterbewertet, laut Morningstar

Strategien Jürgen Research 217 Leser

Im Anlageuniversum von Morningstar gibt es derzeit nur sechs deutsche Aktien, die sowohl günstig sind, als auch über breite Burggräben verfügen. Nach Berechnungen des US-Analysehauses bieten die fairen Werte bis zu 134 % Aufwärtspotenzial.

Der Dax hat auch in diesem Jahr schon einige neue Kursrekorde aufgestellt. Die aktuell gültige Bestmarke auf Schlusskursbasis datiert vom 28.08. und ist somit noch relativ frisch. Trotz der anhaltenden Rekordjagd und der Tatsache, dass sich der deutsche Aktienleitindex seit März 2020 schon locker mehr als verdreifacht hat, finden sich nach wie vor deutsche Titel, die Analysten für unterbewertet halten.

Besonders interessant ist so eine Einschätzung dann, wenn sie Titel betrifft, die über wirtschaftliche Schutzgräben – im Englischen als Moat bezeichnet – verfügen. Gemeint sind damit geschäftliche Vorteile, die beim Kampf mit der Konkurrenz um Marktanteile ebenso helfen, wie beim Versuch, Renditen über den Kapitalkosten zu erwirtschaften.

Aus Sicht langfristig orientierter Investoren bilden diese Schutzgräben das Fundament für dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg. In einem wettbewerbsintensiven Umfeld neigen hohe Renditen dazu, neue Konkurrenten anzulocken, was die Margen im Laufe der Zeit erodieren lässt. Unternehmen mit einem intakten Schutzgraben verfügen jedoch über Mechanismen, die diesen Margenverzehr verhindern.

Sie können dank ihrer starken Marktposition auch in konjunkturellen Abschwungphasen oder bei steigenden Kosten ihre Gewinnspannen verteidigen, weil Kunden bereit sind, höhere Preise zu zahlen oder kaum zu Mitbewerbern wechseln können. Dies führt zu einer verlässlichen Generierung von freiem Cashflow, der für Dividenden, Aktienrückkäufe oder wertsteigernde Investitionen genutzt werden kann.

Wirtschaftliche Schutzgräben treten in der Praxis in unterschiedlichen Formen auf. Das Analysehaus Morningstar unterscheidet hierbei fünf zentrale Säulen. Dazu gehören erstens immaterielle Vermögenswerte wie starke Marken, Patente oder behördliche Lizenzen, die Konkurrenten fernhalten. Zweitens spielen Wechselkosten eine Rolle, wenn für Kunden zu hohe Hürden beim Anbieterwechsel entstehen.

Drittens sorgen Netzwerkeffekte dafür, dass der Nutzen eines Angebots mit jedem weiteren Nutzer steigt. Viertens sichern Kostenvorteile durch Skalierung oder Logistik dauerhaft günstige Strukturen. Als fünfte Säule kommt die effiziente Skalierung hinzu, die in überschaubaren Märkten dafür sorgt, dass zusätzliche Kapazitäten das Preisgefüge nicht zerstören.

Die fünf wirtschaftlichen Schutzgräben gemäß Morningstar-Schema im Überblick


Für Anleger ist neben der Art des Vorteils vor allem dessen Tragkraft entscheidend, weshalb Experten zwischen einem engen und einem breiten Schutzgraben differenzieren. Ein enger Schutzgraben schützt ein Unternehmen in der Regel für mindestens die kommenden zehn Jahre vor der Konkurrenz und sorgt für ein solides, krisenfestes Geschäft.

Ein breiter Schutzgraben hingegen kennzeichnet absolute Spitzenreiter, deren strukturelle Vorteile so tief in das Geschäftsmodell eingeschrieben sind, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in zwanzig Jahren oder darüber hinaus aus eigener Kraft Überrenditen erwirtschaften werden. Die Beurteilung dieser operativen Stärke schließt stets auch den Blick auf das Management mit ein, um mögliche Warnsignale beim Vorstand rechtzeitig zu erkennen.

Infos zu den derzeit sechs deutschen Aktien mit breiten Burggräben und attraktiver Bewertung


Die Kombination aus einem breiten Schutzgraben und einer günstigen Bewertung ist allerdings zumeist eher selten vorzufinden. So gibt es im Morningstar-Anlageuniversum zu Deutschland derzeit gerade einmal sechs Unternehmen, die beide Kriterien gleichzeitig erfüllen.

Bei diesem Sextett mit breiten Burggräben liegt der jeweilige Börsenkurs deutlich unter dem von Morningstar ermittelten fairen Wert und in einem Fall ist gemessen daran sogar mehr als eine Verdoppelung drin. Um welche sechs Aktien es konkret geht, wie hoch die Aufwärtspotenziale sind und woraus sich die breiten Schutzgräben speisen, erläutern die nachfolgenden Ausführungen.

Übersicht zu den Moat-Quellen bei dem Favoriten-Sextett


Rheinmetall – Rüstungskonzern mit starkem Fundament (ISIN: DE0007030009 – Kurs: 1.017,00 Euro, Fairer Wert: 2.380,00 Euro, Kurspotenzial: 134,0 %)


Rheinmetall erzielt rund 70 % seiner Gesamterlöse im hart umkämpften Verteidigungssektor und deckt dort ein extrem breites Portfolio ab, das von militärischen Rad- und Kettenfahrzeugen über hochkomplexe Waffensysteme bis hin zu großkalibriger Munition reicht, während der verbleibende Teil auf zivile Industrieanwendungen entfällt.

Dieser industrielle Kern erfordert ein über Jahrzehnte gewachsenes, hochspezialisiertes technologisches Know-how, das von keinem Wettbewerber kurzfristig kopiert werden kann, da die Entwicklung von militärischer Hardware extreme Ingenieurskunst und jahrelange Testphasen voraussetzt.

Der breite Schutzgraben des Unternehmens stützt sich auf eine fundamentale Kombination aus immateriellen Vermögenswerten wie strengen regulatorischen Markteintrittshürden, staatlichen Geheimhaltungsstufen und den extrem hohen Wechselkosten in den Kernbereichen.

Aufgrund der massiv veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen und der europaweit drastisch steigenden Wehretats wächst der Markt auf absehbare Zeit hochdynamisch. Streitkräfte und nationale Regierungen binden sich über jahrzehntelange Rüstungsprogramme, Instandhaltungspakete und Logistikverträge eng an den Hersteller, da ein Systemwechsel mitten in einer laufenden Projektphase unmöglich und sicherheitspolitisch viel zu riskant wäre.

Durch die strategische Übernahme von Expal Systems konnte sich das Unternehmen zudem als unangefochtener Schlüsselakteur für Munitionskapazitäten etablieren, wodurch die Preissetzungsmacht und die langfristige Marktstellung nochmals massiv untermauert werden.

Quelle: Qualitäts-Check TraderFox

SAP – Unverzichtbare Unternehmenssoftware für Grosskonzerne (ISIN: DE0007164600 – Kurs: 178,46 Euro, Fairer Wert: 265,00 Euro, Kurspotenzial: 48,5 %)


SAP agiert als unangefochtener weltweiter Marktführer im Segment der Enterprise-Resource-Planning-Software (ERP) und dominiert den globalen Markt vor allem durch die Etablierung von unternehmenskritischen Kernsystemen sowie der extrem leistungsstarken HANA-Datenbankplattform.

Diese hochentwickelten Software-Lösungen bilden das digitale Nervensystem und das absolute geschäftliche Rückgrat global agierender Konzerne, über das sämtliche betriebswirtschaftlichen Kernprozesse von der Finanzbuchhaltung über die Produktion bis hin zur weltweiten Lieferkette gesteuert werden.

Der breite Schutzgraben stützt sich hier voll und ganz auf die gigantischen, in der Praxis nahezu unüberwindbaren Wechselkosten. Da fast alle der weltweit größten Unternehmen ihre gesamte operative Infrastruktur über diese Software abwickeln, sind Implementierungen extrem langwierig, kapitalintensiv und mit erheblichen operativen Migrationsrisiken verbunden, die kein Vorstand freiwillig eingeht. Das schließt die Gefahr eines Anbieterwechsels im laufenden Geschäftsbetrieb absolut aus.

Der parallele, strategische Übergang des Portfolios in die Cloud stärkt diese dominante Marktstellung zusätzlich durch kontinuierliche Software-Innovationen, automatisierte Updates und eine noch engere, langfristige Bindung der Kundschaft.

Sartorius – Führender Partner für die Biopharma-Industrie (ISIN: DE0007165607 – Kurs: 185,80 Euro, Fairer Wert: 241,00 Euro, Kurspotenzial: 29,7 %)


Sartorius nimmt über seine hochspezialisierte Bioprozesssparte eine weltweit führende Spitzenposition als essenzieller Ausrüster für die Entwicklung, Erforschung und industrielle Herstellung von modernen Biopharmazeutika ein. Das Unternehmen liefert die technologische Infrastruktur wie Einweg-Bioreaktoren, Filtrationsanlagen und Laborbedarf, die für den gesamten, hochsensiblen Produktionsprozess von lebensrettenden Medikamenten zwingend erforderlich sind.

Der breite Schutzgraben basiert primär auf einer mächtigen Kombination aus immateriellen Vermögenswerten wie proprietärem Know-how und den extrem strengen, langwierigen behördlichen Validierungs- und Zulassungsprozessen der Pharmabranche.

Weil geschlossene Einwegsysteme und hochentwickelte Filter fest in die offiziellen behördlichen Zulassungsverfahren der endgültigen Medikamente integriert sind, zieht der Austausch auch nur einzelner Komponenten monatelange Verzögerungen, erneute Prüfungen und immense Neuzulassungskosten nach sich.

Pharmazeutische Konzerne scheuen dieses unternehmerische und regulatorische Risiko konsequent, wodurch sich Sartorius über den gesamten, oft jahrzehntelangen Lebenszyklus eines Medikaments hinweg einen hochprofitablen und verlässlichen Strom aus dem Verkauf von wiederkehrenden Verbrauchsmaterialien sichert.

MTU Aero Engines – Verlässlicher Partner am Triebwerkshimmel (ISIN: DE000A0D9PT0 – Kurs: 344,00 Euro, Fairer Wert: 449,00 Euro, Kurspotenzial: 30,5 %)


MTU Aero Engines hat sich als hochgefragter und etablierter Triebwerksspezialist in der globalen Luftfahrtindustrie positioniert und profitiert von herausragenden Marktanteilen bei kritischen Hochtechnologie-Komponenten wie Niederdruckturbinen und Hochdruckverdichtern. Das Unternehmen arbeitet eng mit den weltweiten Flugzeugherstellern zusammen, um die Effizienz, Langlebigkeit und Sicherheit von zivilen und militärischen Antrieben kontinuierlich zu optimieren.

Der breite Schutzgraben gründet sich auf eine enge Verzahnung aus immateriellen Vermögenswerten in Form von tiefem technologischem Know-how sowie vertraglich fixierten, langfristigen Partnerschaften und immensen Wechselkosten. Über diese vertraglich abgesicherten Risikobeteiligungen an großen Triebwerksprogrammen sichert sich das Unternehmen den exklusiven, geschützten Zugang zum margenstarken Ersatzteil- und Instandhaltungsgeschäft.

Da Flugzeugtriebwerke über viele Jahre hinweg im harten Dauereinsatz sind und den strengsten Sicherheitsvorschriften der internationalen Luftfahrtbehörden genügen müssen, ist ein Wechsel von Systempartnern oder Instandhaltern während des laufenden Betriebes kategorisch ausgeschlossen.

Symrise – Aromen und Spezialitäten mit hoher Marktmacht (ISIN: DE000SYM9999 – Kurs: 88,46 Euro, Fairer Wert: 107,00 Euro, Kurspotenzial: 21,0 %)


Symrise zählt zu den weltweit tonangebenden Herstellern von spezialisierten Duft- und Aromastoffen sowie funktionalen Inhaltsstoffen, die in der Kosmetikindustrie, der Lebensmittelproduktion und bei Heimtiernahrung zum Einsatz kommen. Das Unternehmen entwickelt hochkomplexe Geschmacks- und Duftprofile, die maßgeblich über die sensorische Qualität und den charakteristischen Wiedererkennungswert von Endprodukten entscheiden.

Der breite Schutzgraben stützt sich vor allem auf immaterielle Vermögenswerte wie streng gehütete, geschützte Rezepturen, chemisches Fachwissen und enorme, kontinuierliche Investitionen in Forschung und Entwicklung. Da Geschmack, Textur und das genaue Duftprofil für den Endverbraucher den entscheidenden Kaufanreiz darstellen und über den wirtschaftlichen Erfolg ganzer Markenprodukte entscheiden, gehen Konsumgüterkonzerne absolut kein Risiko mit unbekannten oder minderwertigen Alternativanbietern ein.

Ergänzt durch gezielte, wachstumsorientierte Expansionen in lukrative Nischenmärkte wie Heimtier-Geschmacksstoffe wird diese starke Marktstellung und Preissetzungsmacht zusätzlich zementiert.

Siemens Healthineers – Starke Position in der Medizintechnik (ISIN: DE000SHL1006 – Kurs: 38,68 Euro, Fairer Wert: 52,00 Euro, Kurspotenzial: 34,4 %)


Siemens Healthineers profitiert in den weltweiten Segmenten der bildgebenden Verfahren, fortgeschrittenen Therapien und der Labordiagnostik von einer unangefochtenen Marktführerschaft. Das Unternehmen liefert hochentwickelte, technologieintensive Großgeräte wie Magnetresonanztomographen (MRT) oder Computertomographen (CT), die das unersetzliche Fundament für die moderne medizinische Diagnostik in Kliniken bilden.

Der breite Schutzgraben ergibt sich aus einer festen Kombination von immateriellen Werten durch technologische Spitzenstellung und extremen Wechselkosten, da diese komplexen Großgeräte langfristig in die physische und digitale Infrastruktur des klinischen Alltags eingepasst sind.

Krankenhäuser und große medizinische Versorgungszentren sind auf einen absolut störungsfreien Betrieb angewiesen, weshalb langjährige, eng verflochtene Wartungsverträge, Partnerschaften mit weltweiten Netzwerken und strenge regulatorische Sicherheitsanforderungen unerlässlich sind.

Diese hohen Barrieren erschweren es potenziellen Konkurrenten erheblich, in den bestehenden Kundenstamm einzudringen, und sichern dem Konzern langfristig planbare, wiederkehrende Umsätze aus dem Servicegeschäft.


Bildherkunft: AdobeStock_374703243