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Warum die Deutschen dem DAX trotz neuer Rekorde keine Liebe schenken, obwohl Index-Stände von 18.450 Punkten winken

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Der DAX ist bekanntlich auf neue Bestmarken vorgerückt. Trotz des während der Pandemie etwas erwachten Interesses, sind die deutschen Haushalte bei deutschen Aktien nur gering investiert. Laut Julius Bär hat das auch mit schlechten Erfahrungen zu tun. Die Charttechniker bei der Schweizer Privatbank wissen aber auch, dass der Aktienkauf bei neuen Rekorden lohnend sein kann Und im aktuellen Fall verspreche ein Momentum-Kaufsignal für den deutschen Leitindex sogar richtig viel Potenzial.

Die Deutschen gelten bzw. galten als Aktien-Muffel. Das hat unter anderem mit fehlender Aktien-Bildung zu tun, mit einer konservativen und risikoaversen Grundhaltung, schlechten Erfahrungen, wie etwa der schwachen Performance der beim Börsengang als Volksaktie angepriesenen Deutschen Telekom und allgemein der Annahme, dass Aktien sehr risikoreich sind.

Als Folge davon besaß im Jahr 2019 laut dem Deutschen Aktieninstitut lediglich 15,2 % oder knapp jeder siebte Bundesbürger, der älter als 14 Jahre ist, Aktien oder Aktienfonds. Die bald zur Veröffentlichung anstehenden Daten für das Jahr 2020 dürften in dieser Hinsicht zwar Besserung zeigen, weil die Lockdowns im Zuge der Pandemie nicht nur in den USA und vielen anderen Ländern sondern auch in Deutschland das Interesse an Aktien befeuert haben.

Wie lange diese neu entfachte Interesse anhält, dürfte auch davon abhängen, ob es nach der jüngsten Hausse schon bald wieder zu einer heftigen Kurskorrektur verbrennt und sich die Anleger da dann die Finger brennen oder üb den Neulingen dieses Schicksal erspart bleibt.

So oder so ist man bei der Schweizer Privatbank Julius Bär der Ansicht, dass der DAX nach wie vor keine ausreichende Liebe von den deutschen Haushalten erhält, obwohl der deutsche Leitindex auf Performance-Basis jüngst auf neue Höchststände vorgedrungen ist.

Zu dieser Einschätzung kommen die beiden Julius Bär-Charttechniker Mensur Pocinci und Alexis Chassagnade, weil gemäß der ihnen vorliegenden Zahlen, die von der Deutschen Bundesbank stammen, die deutschen Haushalte 40 % ihres Vermögens in Bargeld und Einlagen halten. Aktien und andere Anteilsrechte (börsennotiert und nicht börsennotiert) machten dagegen nur 11 % aus, wobei davon nur 3 % börsennotierte inländische Aktien seien.

T-Aktie verdarb vielen Deutschen die Lust auf Aktien


Auf die Frage, wie es kommt, dass die deutschen Haushalte so wenig Liebe zu Aktien haben, schieben die beiden Charttechniker bei ihrer Antwort der T-Aktie den Schwarzen Peter zu. Denn wie sie rekapitulieren, wurde der Börsengang des deutschen Telekomkonzerns mit einer beispiellosen Kampagne unter dem Slogan "Volksaktie" durchgezogen, wobei als Speerspize der populäre Schauspieler Manfred Krug als Werbefigur agierte.

Für die damals vielen Börsenneulinge, die bei dem IPO mitmachten, sei das damalige Erlebnis wohl zu viel gewesen, denn die Aktien sei zunächst zwar um 499 % gestiegen, nur um dann um 92 % einzubrechen. Insgesamt habe der Titel in den vergangenen 24 Jahren eine negative Nominalrendite geliefert. Nominal sei zwar eine Rendite von 3,9% pro Jahr herausgesprungen, doch das sei von einem 92 %-igen Drawdown einhergegangen. Die Folge davon seien eine Menge schlafloser Nächte gewesen für eine jährliche Rendite von 3,9 % pro Jahr.

In der jüngeren Vergangenheit sei dann auch noch der Betrugsskandal um den Finanzdienstleister Wirecard hinzugekommen. Dessen Pleite sei ein weiterer Grund dafür, dass das Vertrauen der Anleger nicht vorhanden ist. Denn wenn man den Bilanzen und dem Regulator nicht trauen kann, wem dann, dürften sich deshalb viele Investoren denken. Es sei daher kein Wunder, dass deutsche Haushalte wenig Appetit auf börsennotierte deutsche Aktien haben.

Laut Historie sind Käufe bei Rekorden lohnend


Aus der Sicht der beiden Julius Bär-Charttechniker hat die fehlende Liebe der Deutschen zu deutschen Aktien auch damit zu tun, dass sie traumatisiert sind von der Idee, bei Allzeithochs zu kaufen. Denn damit geht die Furcht einher, dass man auf dem Top gekauft haben könnte und es bald zu einer Korrektur kommen könnte. Nicht selten versuchen viele Investoren deshalb ihr Glück in der entgegengesetzten Richtung. Das heißt, sie halten es für viel cleverer, bei vermeintlich tiefen Kursen zu kaufen.

Doch wie Pocinci und Chassagnade vorrechnen, sprechen die Fakten eine andere Sprache. Demnach ergab sich historisch im Schnitt ein Plus von 8,5% auf Sicht von 12 Monaten, bei ein einem Kauf zum 52-Wochentief waren es dagegen im Schnitt niedrigere 6,2 %, während bei einem Kauf zum Rekordhoch durchschnittlich plus 8,9 % heraussprangen. Die beiden Charttechniker raten deshalb zum Aktienkauf bei Allzeithochs anstatt bei neuen 52-Wochen-Tiefs zu investieren.

Quellen: Bloomberg Finance L.P., Julius Baer

Momentum gab für den DAX ebenfalls ein Kaufsignal


Gut sieht die derzeitige Ausgangslage zudem auch deshalb aus, weil es beim DAX auch noch zu einem langfristigen Momentum-Kaufsignal gekommen ist (siehe nächster Chart unten). Auch in diesem Fall bezeichnen die Julius Bär den damit verbundenen historischen Track Record der Signale als beeindruckend. Wie der übernächsten Grafik zu entnehmen ist, folgte darauf in der Vergangenheit auf Sicht von 12 Monaten ein Plus von durchschnittlich 13,6 % und nach 60 Monaten standen die Notierungen im Schnitt um 58,9 % höher.

Quellen: Bloomberg Finance L.P., Julius Baer

DAX noch mit viel Aufholbedarf gemessen am Gold


Pocinci und Chassagnade wissen aber, dass natürlich trotzdem viele Anleger an weiter steigenden Aktienkursen zweifeln. Im Zweifelsfall sei es auch immer hilfreich, auf der Suche nach Antworten auf das Verhältnis zum Gold zu blicken. Vergleiche man die DAX¬-Entwicklung mit dem Goldpreis dann zeige sich, wie schwerwiegend der Aktien-Bärenmarkt war. Laut dem nächsten Chart erreichte der DAX im Jahr 2011 seinen Tiefpunkt gegenüber Gold und er seitdem eine Outperformance von 98 % erzielt. Dennoch notiert er immer noch 65 % unter dem Höchststand aus dem Jahr 2000. Es gibt also viel Aufholpotenzial für deutsche Aktien, so Pocinci und Chassagnade.

"Point & Figure"-Charttechnik verspricht beim DAX einiges an Potenzial



Bei so einer Thematik taucht fast zwangsläufig auch immer die Frage auf, über wie viel Potenzial die Kurse nach oben noch haben. Einschränkend erklären dazu Pocinci und Chassagnade, dass sie grundsätzlich nicht mit Kurszielen arbeiten. Dennoch könne die "Point & Figure"-Charttechnik helfen, mögliche Kursziele zu projizieren. Leider liefere diese Methodik aber nur das mögliche Preisniveau, nicht jedoch den Zeitpunkt. In Anbetracht der gedrückten Anlegerstimmung denken die beiden Charttechniker, dass der DAX in Deutschland schneller auf 18.450 Punkte steigen könnte, als viele glauben. Gemessen an der Schlussnotiz vom Freitag wäre ein Erreichen dieser Zielvorgabe gleichbedeutend mit einem Anstieg von gut 31 %.


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